07. Mai 2010, von Chrysanth Grassberger
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Allgäu-Orient-Rallye: Tag 4-6

Autopanne, Polizeikontakt und ein Le Mans-Massenstart: Diese Rallye ist kein Kinderspiel. Wie Team "Interstate 95" die Tage vier bis sechs überstand, liest du hier...

zur FotoshowTeam "Interstate 95"
Das Team "Interstate 95" mit Elwood "The Gorilla" Moves auf dem Weg nach Jordanien.

Montag 3.Mai 2010: Strecke: Ohrid – Fanari Beach
Heute ist ein schöner Tag, denn wir sitzen an einem Tisch (!) in der Unterkunft, um zu frühstücken. Wir müssen also unseren Kaffee weder mitnehmen noch wird die Morgenzigarette am offenen Autofenster konsumiert.

Mit diesem wiederentdeckten Luxus machen wir uns auf den Weg nach Griechenland. Durch die ziemlich dünn besiedelte Hügellandschaft erreichen wir in jugendlich-sportlicher Fahrweise bald die EU-Außengrenze und werden von perfekt ausgebauten Straßen gegrüßt: Thessaloniki ist schnell erreicht und bietet uns Gelegenheit, die gewonnene Zeit im Stadtverkehr sinnfrei wieder zu verlieren. Unterstützt werden wir dabei von freundlichen Einheimischen mit einer überragenden Ortskenntnis: Eher würden sie sich ein Bein abhacken, als zuzugeben, dass sie überhaupt keine Ahnung vom Weg haben. Nach sechs verschiedenen Meinungen und eben so vielen gefahrenen Richtungen, folgen wir einfach einem hellen Licht und finden uns eher durch Zufall auf der gewünschten Strecke wieder.

Noch immer zollen wir unserer anspruchsvollen Streckenwahl Tribut und hinken dem Zeitplan hinterher – nichts Neues also. Heute stellt uns das Roadbook die Aufgabe, mit Hilfe von Einheimischen ein türkisches Volkslied einzuüben. Zwei Tage später müssen wir es im türkischen Staatsfernsehen singen – eine schwierige Aufgabe, die viel Zeit braucht. Um dazu die nötige Energie zu tanken, verschieben wir die Aufgabe ohne schlechtes Gewissen: Wir machen erstmal ein Päuschen am Strand und tanken Sonne und Cappuccino. Der Weg nach Istanbul ist an diesem Tag natürlich nicht mehr zu schaffen. Wir sind gezwungen, die verbleibende Strecke für den nächsten Tag zu planen. Dennoch tragen wir ein wenig zur globalen Erderwärmung bei: Bleifuß bis in die Nacht. Schließlich stoppen wir im Nirgendwo und übernachten in Fanari Beach – dem Zentrum der Welt. Der Ort besteht aus einer Hand voll Einheimischen, die sich auf die Saison vorbereiten, und einem zweiten gestrandeten Team. Das Gute-Nacht-Programm: Drei Bier, etwas Pizza und, ganz wichtig: Ein Bett!

Dienstag 4. Mai 2010: Strecke: Fanari Beach – Istanbul
Rallye fahren bedeutet zusammen halten – immer und überall. Denn im Konvoi kann uns keiner schlagen. An Ampeln allerdings wird das für das letzte Auto meist zur Nervenprobe. So entsteht schnell ein neues Motto: Rot ist das neue Grün.

Abgesehen davon ist es bis zur türkischen Grenze aber herrlich unkompliziert. Je näher wir Griechenland kommen, desto mehr wird die sanfte, olivenbaumbewachsene Hügellandschaft von militärischen Beobachtungstürmen und Stacheldrahtzäunen verziert – eine herrliches Bild für die Pazifisten im Team...

Die militärische Drohkulisse entpuppt sich allerdings an der Grenze als reine Fassade: Die Papiere für Mensch und Maschine sind bald erledigt – bei uns und vielen anderen Einreisenden herrscht bei der Grenzüberschreitung gute Laune. Wir freuen uns auf Istanbul. Im Einzugsgebiet der Metropole beginnt dann das, was wir eigentlich schon früher erwartet hätten: Eins unserer Autos will nicht mehr so wie wir. Der Passat liefert bedenkliche Geräusche vom linken Vorderrad. Wir stoppen und blockieren gleich mal die erste Spur – natürlich völlig entspannt im Berufsverkehr einer sechsspurigen Schnellstraße. Ein erster Check am Auto ergibt, dass wir wohl schon seit einiger Zeit mit nicht befestigter Bremsscheibe unterwegs waren. Die Blechabdeckung ist komplett verbogen. Mit etwas Gewalt ist das verbogene Metall schnell entfernt, aber die lockere Bremsscheibe übersteigt unseren gut sortierten Werkzeugkoffer, welcher aus gefühlten zwei Nägeln und einer Laubsäge besteht. Die Meinungen innerhalb des Teams reichen von einfach weiterfahren bis Abschleppdienst rufen. Ein gutes Zeichen: Alle bleiben positiv und nehmen den Zwischenfall mit Humor.

Am Ende setzt sich die Sicherheitsfraktion durch: Wir picknicken also am Standstreifen und warten auf Hilfe, die nach einer türkischen halben Stunden eintrifft (= über zwei Stunden). In der endlosen Wartezeit bekommen wir mehrfach Besuch von der Polizei, die unsere Camping-Aktion nicht sehr spaßig findet. Schließlich werden wir an eine Tankstelle geschleppt und das erweist sich am Ende des Tages als reiner Glücksgriff. Hier lernen wir Tarek kennen, der perfekt Deutsch spricht. Er lotst uns zu seinem Onkel: Ein Mechaniker mit einem kleinen Werkstattcontainer gleich in der Nähe. Wir trinken Ẃhiskey und Kaffee – unseren Treff in Istanbul, den Fernsehsender TRT, erreichen wir tief in der Nacht. Glücklich und zufrieden lehnen wir uns in den brettharten Autositzen zurück...

Mittwoch 5. Mai 2010: Strecke: Istanbul – Ankara
Nach dem Motto „Der frühe Vogel kann uns mal“ starten wir ganz entspannt in den Tag. Vier Stunden Schlaf müssen reichen – wir vergessen dabei allerdings, dass eine ganz wichtige Etappe auf uns wartet. Im Stile eines Le Mans-Starts stürzen sich alle Teilnehmer auf die perfekt positionierten Autos am Fernsehsender TRT – mitten in Istanbul. Der Verkehr bricht kurzzeitig komplett zusammen. Mit hoher Drehzahl geht es zur blauen Moschee – erster Teil der heutigen Tagesaufgabe. Dauer der drei Kilometer langen Fahrt: Ein mickriges Stündchen.

Höchst motiviert preschen wir dann aus der Stadt – begierig, heute mal zeitnah unser heutiges Etappenziel Ankara zu erreichen. Schnell noch eine Gitarre für 120 beziehungsweise. 80 beziehungsweise 50 Lira gekauft, geht es aus der Stadt, wo sich der Verkehr etwas entspannt und unsere Denkleistung auch wieder einsetzt: Wir erkennen, dass der zweite Teil der Tagesaufgabe vergessen wurde. Auf den Schock hin pausieren wir an einer sympathischen Tankstelle und singen aus vollem Hals „Nothing else matters”. Da der Tankwart und seine 35-köpfige Familie so begeistert sind, spielen und singen und spielen und singen wir... immer wieder verköstigt mit Kaffee und Tee des Hauses. In der Dämmerung nehmen wir unsere Reise wieder auf und steuern Ankara an – dort wollen wir uns in einem Hotel einquartieren. Der Grund ist simpel: Bett, Dusche, Essen klingen an diesem Tag wie süßer Engelsgesang.

Natürlich kommt es anders. Keine Tankstelle besitzt einen Straßenplan der Landeshauptstadt – warum auch. Im Internet drucken wir also die ungefähre Route aus und verlassen uns mal wieder völlig naiv auf unseren Orientierungssinn, der uns auch dieses Mal nicht im Stich lassen wird. Wir erreichen den Parkplatz des TV-Senders TRT in Ankara und treffen auf die Hälfte des Rallye-Feldes. Den Platz umgibt eine gespannte Erwartung darauf, türkisches Liedgut in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages zu präsentieren. Und mit dem beruhigenden Gedanken, überhaupt nicht vorbereitet zu sein, sinken wir in einen tiefen Schlaf.

Allgäu-Orient-Rallye: Tag 4-6

 

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